Ich folge Andrej Karpathy seit längerem auf X und YouTube. Mitgründer von OpenAI, ehemals KI-Chef bei Tesla, einer der Leute, die seit Jahren an KI-Modellen mitbauen und gelegentlich öffentlich zeigen, woran sie gerade rumdenken. Mitte März 2026 postete er ein kleines Werkzeug, das er an einem Samstagmorgen in zwei Stunden gebaut hatte. 342 amerikanische Berufe, jeden einzelnen von einer KI bewerten lassen, das Ganze als interaktive Grafik ins Netz gestellt. Innerhalb von Tagen ging das Ding viral und wurde so massiv fehlinterpretiert, dass Karpathy es kurz wieder vom Netz nahm. Die Leute lasen „Dein Job ist weg“, dabei stand in seiner Dokumentation klipp und klar: Das ist keine Prognose, sondern eine Momentaufnahme, wie digital dein Beruf ist. Inzwischen ist das Tool wieder online.
Ich habe es ausprobiert, meinen eigenen Beruf gesucht und gedacht: Das ist genau das, was für Deutschland fehlt. Nicht die x-te McKinsey-Studie mit Worthabern, die keiner überprüfen kann, sondern ein Werkzeug, in dem du deinen Beruf eingibst und eine ehrliche Zahl bekommst. Also habe ich Karpathys Idee genommen und für Deutschland umgebaut: 144 Berufsgruppen nach der offiziellen Klassifikation der Bundesagentur für Arbeit, mit deutschen Beschäftigtenzahlen und Gehältern.
Das Ergebnis ist unser KI-Exposure-Tool. Und ein paar Erkenntnisse, die mich selbst überrascht haben.
Kurz gesagt: Das KI-Exposure-Tool von ki-strategien.com bewertet 144 deutsche Berufsgruppen danach, wie stark KI ihren Arbeitsalltag verändert. Am stärksten betroffen sind nicht die offensichtlichen Digitalberufe, sondern Büro, Verwaltung und Beratung.
Was das Exposure-Tool misst, und was nicht
Gleich am Anfang ein wichtiger Punkt: Das Tool misst keine Wahrscheinlichkeit, dass du deinen Job verlierst. Es misst, wie stark dein Berufsalltag von KI betroffen ist. Das ist ein Unterschied.
Ein Score von 8 bedeutet nicht, dass du in zwei Jahren arbeitslos bist. Er bedeutet, dass ein großer Teil deiner täglichen Aufgaben genau die Art von Arbeit ist, die KI gut kann: Texte verarbeiten, Daten analysieren, Muster erkennen, Routinen abarbeiten. Was du daraus machst, liegt bei dir.
Der Score ist kein Urteil. Er ist ein Kompass. Er zeigt dir, wo du genauer hinschauen solltest.
Die Datenbasis: 144 Berufsgruppen nach der Klassifikation der Berufe (KldB 2010, 3-Steller-Ebene). Beschäftigtenzahlen und Gehälter kommen von der Bundesagentur für Arbeit, Stand 2024. Die Bewertung der KI-Exposition habe ich mit Claude durchgeführt, auf einer Skala von 0 bis 10. Die Kriterien sind offengelegt, jeder kann nachvollziehen, wie eine Zahl zustande kommt.
Die Überraschungen stecken in der Mitte
Die Extreme sind langweilig. Dass Softwareentwickler (Score 9) stark betroffen sind und Maurer (Score 1) kaum, überrascht niemanden. Die wirklich interessanten Ergebnisse liegen zwischen 5 und 8, da, wo Millionen von Menschen arbeiten und die meisten glauben, ihr Beruf sei sicher.
Steuerberatung, Score 8
Das hat in meinem Bekanntenkreis für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Steuerberater, das ist doch ein Vertrauensberuf, da geht es um die Beziehung zum Mandanten, um Urteilsvermögen in Grenzfällen, um jahrelange Erfahrung.
Stimmt alles. Aber mal ehrlich: Wie sieht ein typischer Tag in einer Steuerkanzlei aus? Steuererklärungen erstellen, Bescheide prüfen, Optimierungsmöglichkeiten durchrechnen, Mandantenkorrespondenz formulieren. Das sind zu 80 Prozent digitale Textaufgaben mit klaren Regeln. Und genau das kann KI schon heute richtig gut.
Was bleibt, ist das, was KI nicht kann: den Mandanten kennen, der seit zehn Jahren kommt. Wissen, dass Frau Schmidt im Scheidungsverfahren gerade andere Sorgen hat als die Sonderabschreibung. Strategisch beraten, wenn das Finanzamt kreativ wird. Das ist wertvoll, aber es ist nicht 80 Prozent des Arbeitstages.
Büro und Sekretariat, Score 7, rund 2,15 Millionen Beschäftigte
Die größte betroffene Gruppe, wenn man in absoluten Zahlen rechnet. Und eine, über die niemand redet, weil „Bürokauffrau“ nicht so nach Zukunft klingt wie „Prompt Engineer“.
E-Mail-Korrespondenz, Terminplanung, Protokolle schreiben, Daten eingeben, Reisekostenabrechnungen erstellen, das ist der Alltag. Und es ist genau die Art von Arbeit, für die KI-Werkzeuge wie gemacht sind. Nicht irgendwann, sondern jetzt, in der kostenlosen Version von Claude oder ChatGPT.
Was KI nicht kann: wissen, dass der Chef montags keine Termine vor zehn Uhr will. Spüren, dass im Team gerade dicke Luft ist. Den Kunden am Telefon so abfangen, dass er sich ernst genommen fühlt, obwohl der Geschäftsführer keine Zeit hat. Dieses Wissen steckt in keiner Datenbank, es steckt in den Menschen, die diese Jobs machen.
Handwerk, Score 2, rund 6 Millionen Beschäftigte
Klempner, Heizungsbauer, Sanitärinstallateure, Tischler, Elektriker. Als Gegenbeispiel, und weil es zeigt, wo die Grenze verläuft.
Jede Baustelle ist anders. Der Altbau in der Goethestraße hat andere Rohrleitungen als der Neubau am Stadtrand. Du musst improvisieren, du brauchst räumliches Vorstellungsvermögen, du stehst bei minus fünf Grad im Keller und reparierst eine Heizung, die seit 1987 nicht gewartet wurde. Kein Algorithmus der Welt kann das.
Trotzdem profitiert auch ein Handwerksbetrieb von KI, nur eben nicht bei der Kernarbeit. Angebote schreiben, Rechnungen formulieren, Kundenmails beantworten: Das sind Randaufgaben, die zusammen locker eine halbe Stunde am Tag fressen. Diese halbe Stunde kann KI dir zurückgeben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Dein Job verschwindet nicht, aber dein Stundensatz
Hier kommt der Teil, über den die wenigsten reden, weil er unbequemer ist als die Frage „Verliere ich meinen Job?“.
Die Antwort auf diese Frage ist in den meisten Fällen: nein, nicht direkt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Was in vielen Branchen bereits passiert, ist etwas Subtileres: Die Arbeit bleibt, aber sie wird weniger wert.
KI macht dich nicht arbeitslos. KI macht deine Arbeit billiger, wenn du nichts änderst.
In der Übersetzungsbranche kann man das schon beziffern. Literaturübersetzer in Deutschland verdienen im Durchschnitt 20.363 Euro im Jahr, weniger als ein Drittel des deutschen Durchschnittsgehalts. Der Verband deutschsprachiger Übersetzer spricht von einem akut gefährdeten Berufsstand. Zum ersten Mal rechnen Übersetzungsbüros mit einem Rückgang des Gesamtmarkts, nicht nur der eigenen Aufträge. Die Ursache ist kein Geheimnis: KI-gestützte Übersetzung drückt die Honorare nach unten, weil Auftraggeber weniger zahlen wollen, wenn die Maschine den ersten Entwurf liefert.
Bei IT-Einstiegsjobs zeigt sich ein ähnliches Muster. Die Gehaltssteigerungen der Vorjahre sind gestoppt. Junior-Positionen werden in einzelnen Branchen nicht mehr neu besetzt, weil KI-Werkzeuge die einfachen Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig verdienen erfahrene Entwickler weiterhin stabil, teilweise besser als vorher. Die Nachfrage verschiebt sich: weg von „Ich kann Code schreiben“ hin zu „Ich kann ein Problem lösen und KI als Werkzeug einsetzen“.
Das Muster ist immer dasselbe: Routine wird billiger, Erfahrung wird wertvoller. Wer seit zwanzig Jahren Steuererklärungen macht und seinen Mandantenstamm kennt, hat wenig zu befürchten. Wer gerade frisch von der Uni kommt und sich auf Standardaufgaben spezialisiert hat, konkurriert plötzlich mit einem Werkzeug, das nie schläft und 20 Euro im Monat kostet.
Was das für dich bedeutet
Ich habe 144 Berufe durchgerechnet. Und dann habe ich mich selbst gesucht. Berater, Vertrieb, Unternehmensentwicklung, mein Score ist hoch. Überrascht hat mich das nicht, eher bestätigt: KI übernimmt genau die Teile meiner Arbeit, die mich sowieso nie begeistert haben. Recherche zusammenfassen, Angebote formulieren, Präsentationen vorbereiten. Seit ich das an mein KI-Team abgegeben habe, mache ich den ganzen Tag das, was ich am besten kann: mit Menschen reden, Probleme verstehen, Lösungen bauen.
Der Score sagt dir nicht, ob du ein Problem hast. Er sagt dir, wo dein Problem liegt, und wo deine Chance. Ein hoher Score ist kein Todesurteil, sondern ein Hinweis: Schau dir an, welche Teile deines Jobs KI morgen besser, schneller und billiger machen kann. Und dann konzentrier dich auf den Rest. Denn der Rest, das bist du.
Finde deinen Beruf
Die Daten liegen auf dem Tisch. 144 Berufsgruppen, transparent bewertet, mit Beschäftigtenzahlen und Gehältern. Kein Panikmache-Ranking, kein „Die Top 10 der aussterbenden Jobs“, sondern eine ehrliche Einschätzung, die dir hilft, die richtige Entscheidung zu treffen.
Schau dir deinen Beruf an. Nicht weil du Angst haben sollst, sondern weil Wissen der erste Schritt ist. Und was du mit deinem Score anfangen kannst, zeige ich dir in einem eigenen Beitrag: Dein Beruf hat Score 7, und jetzt?
Prüfe deinen Beruf im KI-Exposure-Tool → /berufe-ki
Häufige Fragen
Was genau misst der KI-Exposure-Score?
Der Score misst, wie viel Prozent der typischen Tagesaufgaben eines Berufs durch heutige KI-Werkzeuge ersetzt oder automatisiert werden könnten. Er misst nicht die Wahrscheinlichkeit, den Job zu verlieren. Ein hoher Score bedeutet, dass deine tägliche Arbeit sich stark mit dem überschneidet, was KI kann. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung.
Woher kommen die Daten?
Die 144 Berufsgruppen basieren auf der Klassifikation der Berufe (KldB 2010) der Bundesagentur für Arbeit. Beschäftigtenzahlen und Gehaltsdaten stammen aus den Statistiken der Bundesagentur, Stand 2024. Die KI-Exposition wurde mit Claude bewertet, Skala 0 bis 10. Inspiration und Methodik stammen von Andrej Karpathys US Job Market Visualizer (karpathy.ai/jobs).
Heißt ein hoher Score, dass ich meinen Job verliere?
Nein. Ein hoher Score bedeutet, dass ein großer Teil deiner aktuellen Aufgaben automatisierbar ist. Das heißt nicht, dass du ersetzt wirst, aber es heißt, dass sich deine Arbeit verändern wird. Wer KI als Werkzeug nutzt, statt dagegen anzukämpfen, wird davon profitieren.
Mein Beruf hat einen niedrigen Score, muss ich mich trotzdem mit KI beschäftigen?
Ja, weil auch bei niedrig exponierten Berufen Randaufgaben von KI profitieren: Angebote schreiben, Kundenmails beantworten, Dokumentation erledigen. Das spart Zeit, die du für deine eigentliche Arbeit nutzen kannst.
Ist das Tool kostenlos?
Ja. Das KI-Exposure-Tool ist kostenlos und ohne Anmeldung nutzbar.
Bilder in diesem Beitrag sind KI-generiert.


